Wie der europäische Western entstand

Niedergang des klassischen Westerns US-amerikanischer Prägung

Schnell kann es gehen. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch Blütezeit und Zenit und Anfang der sechziger Jahre Stagnation und Abstieg.
Es gibt Genre, die sind untrennbar mit Ländern und Regionen verbunden. Für die USA ist das der Westernfilm. Das Erstaunliche an ihm ist auch sein langes Durchhaltevermögen. Einige der ersten Experimente früherer Filmpioniere waren Western und selbst in diesen Tagen werden mehr oder weniger erfolgreiche Werke fabriziert. Dies ändert aber nichts daran, daß die Hochphase dieses Genres in den 1950er Jahren lag.

Was war das Problem des US-amerikansichen Western Ende der fünfziger Jahre ?!
Im Großen und Ganzen kann man zwei Problembereiche benennen:

1.) die Konkurrenz durch das Fernsehen

Das Fernsehen trat nach und nach seinen Siegeszug durch die Haushalte an und bewies vor allem im finanziellen Aufwand der Produktion seine Überlegenheit gegenüber dem Kino. Der Markt wurde mit endlos-Western-Soaps überschwemmt, worauf die Kinowestern in erster Konsequenz keine Antwort wussten.

2.) die inhaltliche Stagnation

Der klassische Western hatte sich überlebt. Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger schien den Regisseuren und Drehbuchautoren nichts wirklich Neues mehr einzufallen. Es wirkte, als seien bereits alle Geschichten erzählt (nur noch nicht von jedem). Eine Frischzellenkur hätte notgetan, war aber von innen heraus nicht zu realisieren. Das Studiosystem war zu eingefahren, um sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.
Ergebnis war: die Stars alterten, Jüngere kamen nur bedingt nach. Die etablierten Regisseure wandten sich anderen Themen zu.

Erste Gehversuche europäischer Western

Die ersten tatsächlich als geglückt zu bezeichnenden Eurowestern kamen ..... aus Deutschland. Und das gar icht mal so schlecht. Die in Jugoslawien gedrehte Karl May Adaption "Der Schatz im Silbersee war der Beginn einer ganzen Reihe von Karl May Verfilmungen. Mal mehr und mal weniger gelungen etablierten sie einen ganz eigenen Stil, sich dem klassischen Western zu nähern und machten das Traumpaar Brice/Barker international bekannt.

Aber von einem edlen Apachen Häuptling und einem anständigen weissen Blutsbruder bis zu einem richtigen Italo-Western ist es noch ein weiter Weg. Die Initialzündung der "Sauerkraut-Western" kann man nicht bestreiten, sollte sie aber auch nicht überbewerten, da sich auch dieses Subgenre mangels erfrischender Ideen selbst den Ast absägte.
Dazwischen gab es eine überschaubare Menge von Eurowestern, denen man anmerkte, daß sie sich vom Winnetou Image lösen wollten, aber noch nicht bei Italo-Western angekommen waren. Als Beispiel sei hier Rolf Olsens "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" mit Mario Adorf in der Hauptrolle erwähnt.

Zeitenwende

Und dann kam 1964 ...

Das Jahr, in dem sich ein ganz bestimmter Italiener des Genres annahm. Sergio Leone.
Ohne die anderen Genrevertreter herabzuwürdigen, kann man sagen, daß der Italo-Western ohne ihn nicht so aussehen würde, wie wir ihn kennen. Vielleicht nicht einmal gibt, aber das ist Spekulation. Bleiben wir bei den Fakten.

Wie sah es denn bis 1964 im italienischen Kino aus ?
Sogenannte Sandalenfilme beherrschten den Markt. Herkules, Römer, die alten Griechen - alles tummelte sich auf der Leinwand. Und das mit tatkräftiger Unterstützung amerikanischer Studios, die gern mit dem billigen Produktionsstandort kooperierten. Immergewaltiger die Kulissen, immer größer das Statistenherr und immer schlechter die Qualität der Filme. Das musste schliesslich zum Platzen der Seifenblase führen. Spätestens mit dem Flop "Cleopatra" war es soweit. Die parallel laufenden eigentlich guten Autorenfilme  konnten die Rolle der "Blockbuster" nicht ausfüllen und die Produzenten suchten händeringend nach neuen Ideen und Säuen, die durchs Dorf getrieben werden könnten.

Leone wollte also seinen Western in einer Zeit der Krise drehen. Das ist immer schlecht, weil vor allem dann den Leuten das Geld nicht sehr locker in der Tasche sitzt. So ist denn sein Film "Für eine Handvoll Dollar" vom Titel her fast wörtlich zu verstehen; ist er doch von ständigen Finanzierungsproblemen gekennzeichnet.

Leone hatte scheinbar das Problem der US Western seiner Zeit erkannt und suchte nach einem Weg, etwas Neues einzubringen, aber auf das Schema Western nicht verzichten zu müssen. Seine Lösung fand er .... in Japan !

Schon der Regisseur John Sturges beschritt mit seinem Spätwestern "Die Glorreichen Sieben" neue Wege und coverte (so würde man wohl heute sagen) Akira Kurosawas "Die sieben Samurai". Die Sieben als Glückszahl beibehalten, die Story fast 1:1 kopiert und fertig war ein echter Kassenschlager.
Was bei Sturges funktioniert, klappt bei Leone auch. Nur daß er sich keine sieben Hauptdarsteller leisten kann. Aber auch für dieses Problem gibt es bei Kurosawa eine Lösung: "Yojimbo". Die Geschichte von einem einzelnen Samurai, der sich in die Auseinandersetzungen zweier rivalisierender Banden einmischt und am Ende als Sieger dasteht. Bei Leone wird daraus eine Revolverheld, der zwischen mexikanischen/amerikanischen Waffen- und Alkoholschmugglern seinen bleihaltigen Weg finden muss.
Leone weiß, mit dem Hauptdarsteller steht und fällt der Film. Kurosawa hatte Toshiro Mifune und Sturges standen neben Yul Brunner noch andere Stars zur Verfügung. Nur Leone hat ausser einer Idee nicht viel. Seinen favourisierten Schauspieler bekommt er nicht. James Coburn ist zu teuer !
In der Tv Westernserie "Tausend Meilen Staub" (Rawhide) fällt ihm ein junger Schauspieler auf, der sogar eine äußerliche Ähnlichkeit mit dem verstorbenen James Dean haben soll: Clint Eastwood. Der hängt in der Verwertungsmühle der preisgünstigen TV Produktionen fest und erhofft sich wahrscheinlich mit dem europäischen Engagement einen Ausbruch aus der Tretmühle.
Wie aus dem Milchbubi aus "Tausend Meilen Staub" der coole Revolverheld mit dem Zigarillo im Mund wird - darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. In der einen Version ist es Leone, der seinem Hauptdarsteller "nicht mehr rasieren, einen Zigarillo in den Mundwinkel" befiehlt, in der anderen ist es Eastwood, der die Figur so entwickelt haben will.
Wichtig ist letztendlich aber, daß das Konzept aufgeht. Eastwood ist die Verkörperung der Coolnes in diesem Film. Selbst der ungewöhnliche Poncho, den er die ganze Zeit tragen muss, sieht an ihm einfach gut aus. Mit stoischer Ruhe und immer einem treffenden Spruch auf den Lippen spielt er den Antihelden, als hätte er nie etwas anderes getan.

Die Story ist von Yojimbo bekannt: Ein Fremder reitet in eine texanisch/mexikanische Grenzstadt ein, die von zwei Banden beherrscht wird. Er verdingt sich er einen Bande und zeitgleich als Doppelagent der Gegenseite. Mit immer neuen Winkelzügen spielt er die eine gegen die andere Seite aus, bis er am Ende als lachender Dritter davonreitet.
Nichts weltbewegendes dürfte man meinen. Aber durch die Umsetzung wird ein Schuh draus. Leones Bildersprache, die etwas andere musikalische Begleitung durch Ennio Morrconne und die Charakterzeichnung des "Helden" heben ihn von anderen Werken seiner Zeit ab. Ein Westerner, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und für Geld eiskalt tötet - das musste auf die amerikanischen Puristen wie ein Affront wirken !
Auch die beginnende Zurschaustellung von Gewalt (um ihrer selbst Willen möchte ich hier noch nicht sagen) hat die Liebhaber des klassischen Western eher verstört.

wird fortgesetzt ...